Wie hat Corona die Arbeitswelt verändert? Wir zeigen Ihnen die Trends.

Richtet man den Blick auf Deutschland, ist die Coronakrise eher eine gesellschaftliche und ökonomische Krise als eine medizinische. Wenngleich wochenlang jede fehlende Maske als mediales Großereignis inszeniert wurde, bleibt unter dem Strich festzuhalten, dass sich das Gesundheitssystem in der Krise besser geschlagen hat als beispielsweise das Bildungssystem oder viele große und kleine Unternehmen. Weil es sich primär um eine Wirtschaftskrise handelt, sind auch ständig die für solche Krisen typischen Beteuerungen zu hören: Jede Krise sei auch eine Chance und wenn man es nur richtig anstelle, könne man gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Das klingt sehr nach routinierten Durchhalteparolen – aber es stimmt!

 

Corona ändert den Büro Alltag

Selbstverständlich sind zahlreiche Branchen wirklich hart von der Krise betroffen. Dazu zählen der Tourismus, die Gastronomie, die Messebauer und viele andere, die von Großveranstaltungen leben. Dies sind kurzfristige Auswirkungen der Krise, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Anders sieht es in den Bürotürmen der Banken, der Industrie und der öffentlichen Verwaltung aus. Hier stellte sich rasch heraus, dass der Betrieb auch unter Bedingungen des „Social Distancing“ gut aufrechterhalten werden kann. Als wichtigstes Instrument hat sich das Homeoffice erwiesen. Das Arbeiten von zuhause aus hat sich in vielen Fällen sogar als effektiver erwiesen. Die wirklich spannende Frage dabei lautet aber, was die Unternehmen diesbezüglich während der Coronakrise eigentlich gelernt haben. Die bloße Tatsache, dass ein PC-Arbeitsplatz heute an keinen festen Ort mehr gebunden ist, kann es jedenfalls nicht sein – das wusste man auch vorher schon. Und zwar nicht nur theoretisch, sondern meist auch aus eigener Erfahrung. Man darf davon ausgehen, dass die meisten Führungskräfte schon lange über eine technische Ausstattung verfügten, um auch unterwegs oder zuhause arbeiten zu können. Dennoch bedurfte es in vielen Fällen der Pandemie, um diese Möglichkeit auch an normalen Büroarbeitsplätzen zu schaffen.

 

Präsenzkultur ist out. Es lebe das Homeoffice.

Die einfache Variante der Geschichte klingt so: Arbeitnehmer*innen haben sich schon lange das Arbeiten im Homeoffice gewünscht, um ihre Arbeitszeit flexibler einteilen und Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. Aber die Arbeitgeber haben dies abgelehnt, weil sie um ihre Kontrollmöglichkeiten fürchteten. Während der Coronakrise haben die Unternehmen aber gelernt, dass die Produktivität am heimischen Arbeitsplatz keinesfalls sinkt, sondern sogar steigen kann. Deswegen sind nun viele Unternehmen bereit, die ursprünglich als kurzfristige Notfallmaßnahme konzipierten neuen Arbeitsmodelle dauerhaft anzubieten. Teilweise stimmt diese Geschichte tatsächlich. Es gab seitens der Arbeitgeber wirklich Vorbehalte, ob die Mitarbeiterführung und die Kontrolle ohne ständige Präsenz am Arbeitsplatz funktionieren können. Zu den wichtigsten langfristigen Auswirkungen der Pandemie gehört daher, dass die Arbeit zuhause ihre Bewährungsprobe bestanden hat und diese Bedenken zerstreut wurden. Falsch an dieser Geschichte ist allerdings, dass nur die Arbeitgeber Vorbehalte gegen Heimarbeitsplätze hatten. Auch die Gewerkschaften, die Betriebsräte und die Politik waren wenig begeistert. Im Zentrum stand die Sorge, dass die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit immer mehr verwischen könnten. „Ständige Verfügbarkeit“ und „Selbstausbeutung“ waren die Schlagworte, die diese Debatte prägten. Auch das Thema „Vereinsamung“ wurde lange als Argument gegen das Homeoffice aufgeführt. Doch davon ist nach den positiven Erfahrungen der letzten Monate nichts mehr zu hören, inzwischen wird sogar ein gesetzlicher Anspruch auf Heimarbeit diskutiert. Ist das das Ende der Präsenzkultur?

 

Unternehmen wagen erste Schritte in neue Arbeitswelt

Ob große Traditionalisten oder junge Startups: Viele Unternehmen wagen den Schritt und schaffen die Anwesenheitspflicht ab. So zum Beispiel Twitter, das Ihren Mitarbeitern durch die positiven Erfahrungen erlaubt, ab sofort dauerhaft von zuhause aus zu arbeiten. Und auch Siemens ließ Mitte Juli verlauten, dass sie künftig mobiles Arbeiten zum Standard machen und Mitarbeiter an zwei bis drei Tagen pro Woche nicht mehr ins Büro müssen. Damit fällt für gut 140.000 Mitarbeiter die Präsenzpflicht weg. Die Personalvorständin Nicole Gerhardt von Telefonica Deutschland sagte kürzlich in einem Interview: „Auch mich hat es überrascht, wie reibungslos die Arbeit im Homeoffice funktioniert“. Nach den positiven Erfahrungen schafft daher auch Telefonica Deutschland die Präsenzpflicht für die meisten Mitarbeiter weitgehend ab.

 

Hybride Arbeitsmodelle werden zum Normalfall

Einer aktuellen Umfrage zufolge wollen mehr als die Hälfte der Unternehmen auch zukünftig Arbeit im heimischen Büro ermöglichen. Dabei denken aber nur sehr wenige Unternehmen daran, die Arbeitsplätze vollkommen auszulagern. Die meisten bevorzugen Modelle, in denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tageweise im Wechsel zuhause oder im Büro arbeiten. Doch auch diese Modelle werden die massive Veränderung des Job-Alltags nicht verhindern. Spontane Meetings wird es dank technischer Lösungen, die die Heimarbeitsplätze per Videokonferenz zuschalten, auch künftig geben. Erste Erfahrungen zeigen, dass Informationsweitergabe und Abstimmungsprozesse in Zeiten der Digitalisierung anders und mit weniger Aufwand und Kosten organisiert werden können, als alle Beteiligten um einen Tisch zu versammeln.

 

Langfristige Auswirkungen werden noch gravierender sein

Es erscheint mehr als plausibel, dass die hybriden Arbeitsmodelle nur eine Zwischenlösung sein werden. Insbesondere im Wettbewerb um die online-affinen Hochschulabsolventen werden diejenigen Unternehmen die Gewinner sein, die auf Präsenz im Unternehmen gänzlich verzichten. Der größte Vorteil dieser Lösung liegt darin, dass mit dem Jobwechsel kein Umzug mehr verbunden sein wird. Insbesondere Spezialisten für zeitlich befristete Projekte können so ohne geographische Einschränkungen gewonnen werden. Schon die kurzfristigen Auswirkungen am Arbeitsmarkt zeigen, dass diese Spezialisten von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit kaum betroffen sind.

 

Der Wandel fällt nicht aus!

Der Wandel in der Arbeitswelt wurde oft ausgerufen, meist blieb davon bisher wenig übrig. Es gibt einen einfachen Grund, warum der Wandel durch Corona nicht ausfallen wird: Keine relevante Gruppe ist dagegen. Die Politik hat sich parteiübergreifend hinter den Trend zum Homeoffice gestellt, weil dadurch quasi nebenbei noch einige weitere Probleme entschärft werden, für die sie noch keine Lösung hat. Stichworte sind das Verkehrschaos auf den Straßen der Großstädte, die Überlastung des öffentlichen Nahverkehrs und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Oft wird in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass sehr viele Arbeitsplätze zwingend die Anwesenheit am Arbeitsplatz erfordern und diese Effekte daher überschätzt werden. Dieser Einwand übersieht, dass die größten Verkehrsprobleme und Engpässe bei der Kinderbetreuung in den Großstädten bestehen, in denen der Anteil an Bürojobs überproportional hoch ist. Dort wird die Situation deutlich entschärft, wenn das Arbeiten in der eigenen Wohnung normal wird. Hinzu kommt, dass für viele die Notwendigkeit entfällt, in die Metropolen zu ziehen, wo auch die Jobs sind. Es verwundert also nicht, dass sich Politiker derzeit gegenseitig mit Vorschlägen überbieten, wie die Arbeit zuhause steuerlich gefördert werden könnte. Die Arbeitgeber werden die Kostenvorteile des eingesparten Büroraums ebenfalls zu schätzen wissen. Arbeitnehmer sind mehrheitlich laut Umfragen auch von den neuen Arbeitsmodellen überzeugt. Es sind also weit und breit keine Interessenkonflikte zu sehen, in denen die sich am Horizont abzeichnende neue Arbeitswelt wieder zerredet werden könnte.

 

Neuer Job Alltag fordert Unternehmen heraus

Die Übergangsphase, in der Präsenz- und Heimarbeit im Büro koexistieren, wird eine Herausforderung für Unternehmen werden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Karriere- und Aufstiegschancen in großen Unternehmen nicht nur von der individuellen Leistung abhängen. Es ist vorteilhaft, den Vorgesetzten am besten täglich über den Weg zu laufen. Deswegen sind die Karrierechancen statistisch in der Zentrale besser als in einer Niederlassung und bei Vollzeitjobs besser als bei Teilzeitjobs. Dieser Fehler darf den Unternehmen dieses Mal nicht unterlaufen. Es ist daher damit zu rechnen, dass Entscheidungen über Beförderungen oder Gehaltserhöhungen in der Home-Office-Welt verstärkt anhand objektiv messbarer Kriterien getroffen werden.

 

Auch das Führen eines Teams aus dem Homeoffice wird Unternehmen und Führungskräfte herausfordern. Ganz klar: der regelmäßige Austausch auch mal über den Bürotisch hinweg oder an der Kaffeemaschine fehlt und ist im Homeoffice nur bedingt möglich. Damit sich am Ende keiner allein gelassen fühlt, ist es umso wichtiger, dass Führungskräfte für den regelmäßigen Austausch sorgen. Kommunikation wird so zum Schlüssel für den Erfolg.
 

Häufig gestellte Fragen

Was ist Präsenzkultur?

Unter der Präsenzkultur versteht man ein System oder Unternehmen mit einem gemeinsam geteilten Muster des Denkens, Normen und Werten. Dabei bedeutet die Präsenzkultur, dass die körperliche Anwesenheit von Mitarbeitern im Unternehmen als sehr hoch bewertet wird.

Was versteht man unter Homeoffice?

Früher wurde Homeoffice auch Telearbeit genannt. Heute versteht man darunter das Arbeiten von Mitarbeitern im häuslichen bzw. privaten Umfeld. Gerade durch die Coronakrise wurde das Homeoffice aufgrund der notwendigen Distanzauflagen zum Erfolgsfaktor für Unternehmen und auch nach der Krise erfolgreich weitergeführt. Im Homeoffice arbeiten vor allem Büroangestellte, die Ihre Tätigkeit an flexiblen Standorten durchführen können.

Was ist für ein Homeoffice notwendig?

Um das Arbeiten im Homeoffice zu ermöglichen, müssen sowohl systemseitig vom Unternehmen als auch am privaten Standort technische Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Schnelles und stabiles Internet
  • Sicherheitsverschlüsselung mit VPN
  • Computerausstattung (Laptop, Bildschirm etc.)
  • Telefon entweder über Festnetz oder VoIP, idealerweise mit Headset

Persönlich setzt das Homeoffice eine hohe Selbstdisziplin und Zeitmanagement voraus. Auch ein ergonomischer Arbeitsplatz sollte zur Grundausstattung gehören.