Ein Arbeitszeugnis entschlüsseln - mit dieser Übersicht gelingt es.

1. Die Geheimsprache im Arbeitszeugnis entschlüsseln

Das deutsche Arbeitsrecht verlangt, dass ein Arbeitszeugnis immer „wahr“ und „wohlwollend“ ist. Offensichtlich negative Formulierungen sind in einem Zeugnis tabu. Diese Anforderung bringt Arbeitgeber jedoch regelmäßig in die Bredouille, wenn sie mit den Leistungen und/oder dem Verhalten einer:s Arbeitnehmerin:s nicht zufrieden waren. Aus diesem Grund hat sich in Arbeitszeugnissen eine Art Geheimsprache entwickelt, die mit augenscheinlich positiven Formulierungen Negatives zum Ausdruck bringt. Arbeitnehmer:innen sollten unbedingt in der Lage sein, diese sprachlichen Codes eines Arbeitszeugnisses zu entschlüsseln. Wenn sie die Sprache eines Arbeitszeugnisses nicht entschlüsseln können, laufen sie nämlich Gefahr, ein schlechtes Zeugnis zu akzeptieren, das ihre weitere Karriere möglicherweise negativ beeinträchtigt.

2. Noten im Arbeitszeugnis entschlüsseln

Wie ein Schulzeugnis enthält auch ein Arbeitszeugnis Noten. Der Unterschied zwischen den beiden Zeugnisformen ist jedoch, dass die Leistungen in der Schule offen mit Noten bewertet werden, während die Leistungen auf der Arbeit über spezielle Formulierungen mit versteckten Noten beurteilt werden. Arbeitgeber:innen wissen, wie sie die Noten in einem Arbeitszeugnis entschlüsseln. Jeder Arbeitgeber:in sollte ebenfalls in der Lage sein, die Sprache eines Arbeitszeugnisses zu entschlüsseln. Denn nur so lässt sich im Zweifelsfall ein schlechtes Arbeitszeugnis verhindern.

Ein Arbeitszeugnis enthält immer eine Gesamtnote. Der Code für die Gesamtnote des Zeugnisses ist in einem Satz versteckt, der mit den Worten „Er/Sie erfüllte seine/ihre Aufgaben…“ beginnt. Die nachfolgenden Codes verraten die Gesamtnote einer:s Arbeitnehmerin:s:

  • Sehr gut: „…stets zur vollsten Zufriedenheit.“
  • Gut: „…zur vollsten bzw. stets zur vollen Zufriedenheit.“
  • Befriedigend: „…zur vollen Zufriedenheit.“
  • Ausreichend: „…zur Zufriedenheit.“
  • Mangelhaft: „…im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit.“
  • Ungenügend: „Er hat seine/ihre Aufgaben zu unserer Zufriedenheit zu erledigen versucht.“
Die Formulierung der einzelnen Noten-Codes unterscheidet sich teilweise nur in Nuancen. Und doch machen diese Nuancen den Unterschied zwischen einem exzellenten Zeugnis und einem vernichtenden Urteil aus.

3. Ein sehr gutes Arbeitszeugnis

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Die Note „sehr gut“ lässt sich in der Regel über bestimmte Codewörter im Arbeitszeugnis entschlüsseln. Vor allem die Verwendung von Superlativen wie „äußerst“, „herausragend“, „exzellent“, „außergewöhnlich“, „allerbesten“, „in höchstem Maße“ und „in jeder Hinsicht“ signalisiert, dass es sich hierbei um eine:n sehr gute:n Mitarbeiter:in handelte. Typische sehr gute Zeugnisformulierungen sind:

  • Er/Sie zeigte außergewöhnliches Engagement und erzielte herausragende Arbeitsergebnisse.
  • Er/Sie verfügt über hervorragende fundierte Fachkenntnisse.
  • Er/Sie erledigte seine/ihre Aufgaben in jeder Hinsicht mit äußerster Gewissenhaftigkeit.

4. Ein gutes Arbeitszeugnis

Auch die Note „gut“ im Arbeitszeugnis zu entschlüsseln, fällt nicht schwer, sofern man die Zeugniscodes kennt. Bei der Beurteilung „gut“ werden die Superlative etwas sparsamer eingesetzt als bei „sehr gut“. Typische Formulierungen für ein gutes Arbeitszeugnis sind:

  • Er/Sie zeigte großes Engagement und erzielte überdurchschnittliche Arbeitsergebnisse.
  • Er/Sie verfügt über sehr fundierte Fachkenntnisse.
  • Er/Sie erledigte seine/ihre Aufgaben mit äußerster Gewissenhaftigkeit.

5. Ein mangelhaftes oder ausreichendes Arbeitszeugnis

Bei den Noten „mangelhaft“ und „ausreichend“ beschränken sich die Codes im Arbeitszeugnis meist auf rein beschreibende Formulierungen hinsichtlich der Tätigkeit der:s Arbeitnehmerin:s. Superlative sucht man bei diesen Noten-Codes vergeblich. Typische Formulierungen für ein mangelhaftes oder ausreichendes Arbeitszeugnis sind:

  • Er/Sie hat alle ihm/ihr übertragenen Aufgaben ordnungsgemäß erledigt.
  • Er/Sie verfügt über solide Fachkenntnisse.
  • Er/Sie arbeitete gewissenhaft.

6. Ein ungenügendes Arbeitszeugnis

Im Gegensatz zu den anderen Noten, sprechen die Zeugniscodes bei der Note „ungenügend“ die schlechte Arbeitsleistung meist relativ unverblümt an und müssen kaum entschlüsselt werden. Typische Formulierungen für ein ungenügendes Arbeitszeugnis sind:

  • Er/Sie hat alle ihm/ihr übertragenen Aufgaben im Rahmen seiner/ihrer Möglichkeiten übertragen.
  • Er/Sie eignete sich Fachwissen nach Anleitung an.
  • Er/Sie war um eine gewissenhafte Arbeitsweise bemüht.

7. Das qualifizierte Arbeitszeugnis

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Das qualifizierte Arbeitszeugnis ist die am weitesten verbreitete Form des Zeugnisses in der Arbeitswelt. Im Gegensatz zu einem einfachen Arbeitszeugnis enthält es eine detaillierte Beschreibung und Beurteilung sowohl der Leistungen als auch der Soft Skills und des Sozialverhaltens der:s Arbeitnehmerin:s.

Ein qualifiziertes Arbeitszeugnis bietet aufgrund der Tiefe der Beurteilung viel Raum, um über bestimmte sprachliche Codes gute und weniger gute Aussagen über eine:n Mitarbeiter:in zu machen. Arbeitnehmer:innen sollten deshalb unbedingt in der Lage sein, diese Arbeitszeugnis Codes zu entschlüsseln. Ansonsten besteht die Gefahr, ein Zeugnis zu akzeptieren, das auf den ersten Blick zwar in einer freundlichen Sprache formuliert ist, auf den zweiten Blick jedoch zahlreiche unangenehme Formulierungen enthält.

Die nachfolgenden exemplarischen Beispiele helfen dabei, die Codes eines qualifizierten Arbeitszeugnisses zu entschlüsseln und in Klartext zu übersetzen:

  • „Er machte sich mit großem Tatendrang an die ihm übertragenen Aufgaben.“ - Der Arbeitnehmer war ein riesengroßer Chaot, der nicht strukturiert arbeitete.
  • „Sie verstand es gut, ihre Aufgaben erfolgreich zu delegieren.“ - Die Arbeitnehmerin war faul und wälzte ihre Arbeit gekonnt auf Kollegen ab.
  • „Er erledigte alle Aufgaben ordnungsgemäß und pflichtbewusst.“ - Der Arbeitnehmer zeigte keine Eigeninitiative.
  • „Sie war ihren Mitarbeitern jederzeit eine verständnisvolle Vorgesetzte.“ - Die Arbeitnehmerin besaß gegenüber ihrem Team keine Autorität und war nicht durchsetzungsstark.
  • „Er verfügte über ein gesundes Selbstvertrauen“ - Der Arbeitnehmer war arrogant und überschätzte sich selbst.
  • „Sie legte eine erfrischende Art im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten an den Tag.“ - Die Arbeitnehmerin hatte keine guten Umgangsformen.
  • „Er zeigt ein gutes Einfühlungsvermögen in die Belange der Belegschaft.“ - Der Arbeitnehmer war mehr an Flirts als an der Arbeit interessiert.
  • „Sie war in der Lage, ihre Meinung zu vertreten“ - Die Arbeitnehmerin konnte keine Kritik vertragen.

8. Die Schlussformel

Der Schlussformel in einem Arbeitszeugnis kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Zum einen formt sie den letzten Eindruck des Zeugnisses und hat deshalb ein hohes Gewicht. Die Schlussformel kann den positiven Gesamteindruck eines Zeugnisses noch einmal verstärken bzw. abrunden. Sie kann aber auch den gesamten Zeugnistext in Zweifel ziehen.

Zum anderen ist die Schlussformel in einem Zeugnis freiwillig. Das Bundesarbeitsgericht entschied, dass die Schlussformel nicht zum Zeugnisbrauch gehört und somit der:ie Arbeitgeber:in auch nicht dazu verpflichtet ist, ein Zeugnis damit zu beenden. Trotzdem wird das Fehlen einer Schlussformel in der Praxis als negatives Zeichen ausgelegt.

Die Schlussformel ist in der Regel in vier Teile untergliedert:

  • Der Grund für die Trennung von Unternehmen und Mitarbeiter:in
  • Dank für die Zusammenarbeit
  • Das Bedauern über die Trennung
  • Wünsche für die Zukunft
Beim Grund für die Trennung müssen Arbeitnehmer:innen aufpassen, nicht die Formulierung „im gegenseitigen Einverständnis“ zu lesen. Sie deutet auf eine Kündigung durch den:ie Arbeitgeber:in hin. Den Dank für die Zusammenarbeit können Unternehmen besonders überschwänglich formulieren. Fehlt der Dank hingegen vollständig, wird das meistens negativ ausgelegt. Auch das Bedauern über die Trennung kann sehr unterschiedlich formuliert sein. Ein großes Bedauern bringt zum Ausdruck, dass das Unternehmen den:ie Mitarbeiter:in nur ungern ziehen lässt.

Und nicht zuletzt gilt es auch die Wünsche für die Zukunft sprachlich zu entschlüsseln. Idealerweise wird dem:r Mitarbeiter:in „weiterhin viel Erfolg im Beruf“ gewünscht, was zum Ausdruck bringt, dass er/sie in seiner/ihrer letzten Arbeitsstelle erfolgreich war. Wird der:m Arbeitnehmer:in beispielsweise Gesundheit gewünscht, bedeutet das hingegen, dass er/sie viele Krankheitstage hatte.

FAQ - Häufig gestellte Fragen

1) Wie erkenne ich, ob mein Arbeitszeugnis gut oder schlecht ist?
Wie gut ein Arbeitszeugnis ausgefallen ist, erkannt man an sprachlichen Codes. Diese bringen in einer immer wohlwollenden Sprache sowohl positive als auch negative Leistungen und Aspekte eines Mitarbeiters zum Ausdruck.
2) Was sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis?
Bei Gemeincodes im Arbeitszeugnis handelt es sich um sprachliche Formulierungen, die positiv klingen, zum Teil jedoch negative Leistungen und Verhaltensweisen ausdrücken. Arbeitnehmer sollten diese Geheimcodes in einem Arbeitszeugnis entschlüsseln können.
3) Welche Wörter sollten in einem Arbeitszeugnis nicht stehen?
Bestimmte sprachliche Geheimcodes bringen ungenügende Arbeitsleistungen zum Ausdruck. Dazu gehören beispielsweise die Formulierungen „bemühen“, „im Rahmen seiner/ihrer Möglichkeiten“ und „ordnungsgemäß“.