Anonymisierte Bewerbung

Pilotprojekt gegen Vorurteile

Vorurteile sind jedem schon begegnet. Menschen werden aufgrund ihrer Nationalität, ihres Geschlechts, ihrer Religion oder ihres Aussehens beurteilt. Manchmal ertappt man sich sogar selbst beim (Vor)Verurteilen – das ist nur menschlich. Problematisch wird es allerdings im Arbeitsleben, wenn ausländische Bewerber aufgrund ihres Namens oder ältere Bewerber aufgrund ihres Alters aus dem Bewerbungsprozess aussortiert und noch nicht einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen werden. Hier könnte das sogenannte anonyme Bewerbungsverfahren Abhilfe schaffen. Die Erfahrungen damit sind hierzulande allerdings eher zwiespältig.

 

Weniger Chancen mit ausländischen Wurzeln

Laut einer Untersuchung des Instituts zur Zukunft der Arbeit aus dem Jahre 2010 haben Personen mit einem türkischen Nachnamen eine 14-prozentig geringere Chance auf die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch.

 

Ähnliches bestätigte Mitte 2018 eine Studie des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung (WZB) anhand fiktiver Lebensläufe: Demnach hätte – trotz eines deutschen Passes – nicht einmal die Hälfte der Bewerber mit vermeintlich albanischen, türkischen oder afrikanischen Wurzeln die Chance auf ein Vorstellungsgespräch bekommen.

 

Aber auch ältere Arbeitnehmer oder Frauen mit Kindern haben Untersuchungen zufolge teilweise schlechte(re) Karten bei Bewerbungen.

 

Gleiche Chance bei gleicher Qualifikation

Eine anonymisierte Bewerbung könnte eine solche Ungleichbehandlung zumindest reduzieren und für eine bessere Chancengleichheit sorgen.

 

Bei anonymisierten Bewerbungen wird zunächst auf Foto, Namen, Adresse, Geburtsdatum, Familienstand und Herkunft verzichtet. Im Unterschied zu herkömmlichen Lebensläufen wird auch auf Jahreszahlen verzichtet.

 

In der ersten Auswahlrunde wird der Blick der Personalverantwortlichen also ausschließlich auf die Qualifikation der Bewerber gelenkt. Erst wenn Bewerber in die engere Wahl genommen und zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden, erhalten die Personaler alle weiteren persönlichen Informationen, um sich auf das Gespräch vorbereiten zu können.

 

 

Praxis der anonymen Bewerbung

Denkbar sinddrei Varianten, wie ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren in der Praxis gehandhabt werden kann:

 

  • bei Bewerbungen über eine Bewerbungsplattform werden vorerst nur die Informationen weitergeleitet, die für die Position relevant sind,

  • einheitliche, anonymisierte Bewerbungsformulare, die Bewerber per Download, E-Mail oder Post erhalten und ausgefüllt zurückschicken

  • und die Anonymisierung herkömmlicher Bewerbungsunterlagen (durch Schwärzen oder Übertragen von Daten).


Positive Erfahrungen in anderen Ländern

Andere Länder machen es vor: In den USA und Kanada verzichten viele Unternehmen Religion im ersten Schritt des Bewerbungsverfahrens bewusst auf Angaben wie Namen, Alter, Familienstand, Herkunft und das Foto.

 

Auch europäische Länder haben bereits Erfahrungen mit anonymisierten Bewerbungsverfahren gesammelt. Ergebnisse eines Modellversuchs in Schweden haben zum Beispiel gezeigt, dass Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund dadurch deutlich bessere Einstiegschancen erhalten. In Belgien ist dieses Verfahren seit Jahren Standard im öffentlichen Sektor.

 

Vor- und Nachteile einer anonymen Bewerbung

Die Vorteile dieses Bewerbungsverfahrens liegen auf der Hand. Während sich bei der Sichtung einer herkömmlichen Bewerbung der Personaler von persönlichen Angaben oder dem Bewerbungsfoto beeinflussen lassen kann, hat er bei anonymisierten Bewerbungen lediglich die Fähigkeiten und Qualifikationen als Vergleichs- und Auswahlmöglichkeiten.

 

Jedoch bietet die anonymisierte Bewerbung auch Nachteile – vor allem für junge und unerfahrene Arbeitnehmer. Diese verfügen in der Regel über wenig Praxis- und Berufserfahrung. Allein die Qualifikationen werden nicht reichen, um den Personaler von den Fähigkeiten zu überzeugen.

 

2010 wurde die anonyme Bewerbung als Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes getestet. Ein Jahr lang wandten mehrere Firmen, darunter die Deutsche Post, die Telekom, L´Oréal, Procter & Gamble, das Bundesfamilienministerium, die Bundesagentur für Arbeit in NRW und die Stadt Celle versuchsweise das anonymisierte Bewerbungsverfahren an. Insgesamt gingen rund 8.500 Bewerbungen ein, mit denen 246 Stellen erfolgreich besetzt werden konnten.

 

Auch die Antidiskriminierungsstelle sah als Fazit aus dem Pilotprojekt lediglich eine „tendenzielle Chancengleichheit“ – repräsentativ waren die Studienergebnisse ohnehin nicht. Die Mehrheit der Arbeitgeber in Deutschland ist allerdings skeptisch. Und: Alle Unternehmen, die sich 2011 an dem Pilotprojekt beteiligt hatten, rekrutieren inzwischen wieder traditionell.

 

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